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VON BUNTEN ARMEN UND LANGEN SESSIOSN - TEIL 1

Das 1. Tattoo

Es ist Dienstag, 14. August 2001 kurz vor 17 Uhr. Ich betrete mit
klopfendem Herzen das Tattoo-Studio "Mike Freys Wilde 13" in Esslingen.

Drinnen werde ich sofort angesprochen und zeige die Visitenkarte, auf der
mein Termin draufsteht. Ja, ich werde erwartet und soll mich noch kurz
gedulden, da Trish, die Frau, die mich gleich unter der Nadel haben wird,
noch an der Vorlage rummalt. Ich stehe also in der Gegend rum und bekomme
noch eine aufmunternde SMS auf mein Handy.

Mein Blick fällt auf ein Schild, daß an die sogenannten "Händchenhalter"
gerichtet ist. Darauf steht, daß es nicht erwünscht ist, daß Personen zum
Händchen halten mit in den Tätowierraum kommen dürfen. Mein Bekannter ist
trotzdem guten Mutes und folgt mir kurz nach 17 Uhr in den Tätowierraum.

Mit einer Mischung aus Freude und Nervosität betrete ich den Raum, in dem
schon 2 Tattoomaschinen surren. Allgemeine Begrüßung und die Frage, ob er
ein Weilchen mit dabei sitzen darf, da ich Probleme mit dem Kreislauf habe
und er nach mir schauen möchte. Alles in Ordnung, er darf bleiben.

Ich werde gebeten, ruhig hinzustehen und Trish drückt mir die Vorlage auf
den Arm. Nach ausführlicher Betrachtung im Spiegel gebe ich mein o.k. und
darf mich wieder hinsetzen. Trish nimmt die Gun in die Hand und kurz darauf
spüre ich, wie das erste Mal die Nadel in meine Haut eindringt. Ein
unbeschreibliches Gefühl. Sie fragt, ob es in Ordnung ist, ich bejahe und
dann geht's richtig los. Immer und immer wieder sticht die Nadel und nach
20 Minuten wird's mir schummrig. Sie bemerkt es und hört kurz auf zu
stechen. Nach einem Traubenzucker und ein paar Minuten Pause geht's weiter.

Ich hab mich jetzt an das Pieken gewöhnt und fühle mich recht gut. Sobald
es Richtung Innenarm geht, tut es mehr weh, aber alles noch gut
auszuhalten. Ich unterhalte mich nebenher mit meiner Nachbarin, die auch
ihr erstes Tattoo bekommt, ein Tribal-Armband mit Herz. Mein Bekannter
kommt immer wieder näher und schaut, ob alles in Ordnung ist und beobachtet
die Nadel, die sich in meine Haut eingräbt.

Nach ca. 1 ½ Stunden wird eine kurze Pause gemacht in der ich etwas frische
Luft schnappe. Die Outlines sind dreiviertel fertig und das Tattoo nimmt
schon richtige Konturen an. Nach einer weiteren halben Stunde Piekserei
verabschiedet sich mein Bekannter mit der Bemerkung "Ich sehe, du wirst es
überleben, dann kann ich jetzt gehen". Meine Nachbarin hat sich auch schon
verabschiedet, ihr Armband war in knapp 2 Stunden fertig.

Danach wird's langweilig, niemand mehr da zum quatschen und meine
Englisch-Kenntnisse reichen nicht für eine weitergehende Konversation mit
der Tätowiererin. Nach 2 ½ Stunden fange ich an zu kämpfen, mein Körper
gibt mir zu verstehen, daß es jetzt reichen würde. Es macht sich jetzt doch
bemerkbar, daß es mein erstes ist. Ich stelle mich auf eine Stunde Quälerei
ein, aber so schlimm wird's nicht. Irgendwie geniesse ich auch den süßen
Schmerz und könnte noch stundenlang so sitzen bleiben.

Eine halbe Stunde später wird mein Arm eingesprüht, abgerieben und die
Tätowiererin sagt etwas für mich unverständliches auf Englisch. Ich geb ihr
zu verstehen, daß ich sie nicht verstanden habe und nach kurzem Hin und Her
frage ich "finished?" und sie bejaht. Ich soll es mir doch mal im Spiegel
anschauen, was ich natürlich sofort mache.

Vor dem Spiegel drehe und wende ich mich und kann es nicht glauben, daß
mein erstes Tattoo fertig ist. Danach wollen es 2 anwesende Tätowierer, ein
Kunde und noch 2 andere Mitarbeiterinnen anschauen. Ich lasse es natürlich
alle gebührend bewundern, bevor die Folie draufkommt. Das Tattoo wird
abgeklebt und einer der Tätowierer sagt mir noch, wie ich es zu pflegen
habe.

Nachdem ich bezahlt habe unterhalte ich mich noch kurz mit Trish, die
erwartet und vermutet, daß ich bald bei ihr wieder auf der Matte stehen
werde. Mit etwas wackeligen Knien, einem total versauten T-Shirt und einem
abgeklebten Tattoo verlasse ich schließlich nach etwa 3 Stunden das Studio.

Ein Bericht von Stefanie