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DER LANGE WEG ZUM TATTOO - EIN ERFAHRUNGSBERICHT VON SAM

Vielleicht ist es auch gar nicht schlecht, wenn der Weg zum endgültigen Körperschmuck etwas länger ist!

Heute kann ich stolz meinen Po präsentieren (na ja, nicht wirklich – man muss ja nicht jedem mit dem nackten Hintern ins Gesicht springen auch wenn man’s manchmal wirklich gerne täte) und mit absoluter Gewissheit sagen, dass es eine gute Entscheidung war.

Mit 16 Jahren begann ich mit dem Gedanken zu spielen, mir ein Tattoo stechen zu lassen. Nicht auszudenken was ich heute dazu sagen würde, wenn ich dem damaligen Wunschmotiv mit meiner damaligen Figur nachgegangen wäre! In diesem Alter fand ich eigentlich fast jedes Motiv toll, Hauptsache groß und „böse“. Da sollte doch jeder gleich wissen, dass er es nicht mit einem Kind in der Pubertät zu tun hat!?! Und so ein Drache im Jumboformat auf meinem vom Babyspeck geformten Schulterblatt wäre sicher sehr eindrucksvoll gewesen! Von Tattoos selbst wusste ich damals nur, dass sie, wenn einmal auf dem Körper verewigt, nie mehr loszubekommen sind. Die wichtigen Aspekte in Sachen Studio und Hygiene waren mir kein Begriff. Gottseidank spielte in dieser Lebensphase meine Mutter nicht mit: „es ist verhältnismäßig teuer, das Motiv ist unmöglich für eine 16jährige, die Thematik ist Dir fremd, Dein Geschmack ändert sich noch (Deine Figur hoffentlich auch) und überhaupt bin ich von Tattoos nicht begeistert“.

Über die Jahre wurden aus dem Drachen modebedingt asiatische Zeichen (und wenn es nur Chopsuey bedeutet hätte), dann war auch ein Tribal im Gespräch und ein andermal sollte es zeitweise ein Strichcode sein (anscheinend ging ich auch mit 18 Jahren noch einer morbiden Lebenseinstellung nach). Doch wenigstens fing ich mit 18 Jahren langsam an, auch einmal den Hintergrund der Tattoos zu studieren und genauer zu überdenken, welches Motiv an welcher Körperstelle angebracht wäre. Da ich am Po einen recht unschönen ca. 6 cm langen braunen Pigmentfleck hatte, war diese Stelle anscheinend schon sehr gut geeignet. Zudem konnte man diese Stelle mit einer Hose verdecken, was sich in der zukünftigen Arbeitswelt sicher bezahlt gemacht hätte (gerade weil ich eine auf Wirtschaft basierende Ausbildung genießen dürfte). Meine Figur war allerdings noch immer nicht ausgereift oder vielleicht auch zu ausgereift – der Babyspeck hatte es sich an mir richtig gemütlich gemacht. Der Barcode sollte erstmals extra für mich geschrieben werden damit ich mich damit identifizieren kann. Glücklicherweise hatte mein Vater ein Strichcode-Programm denn diese Programme sind zum einen gar nicht so leicht zu finden und zum anderen relativ teuer, wenn man einmal eines gefunden hat. Ich setzte mich mit der Studiowahl und den dortigen hygienischen Verhältnissen auseinander, ging auf die Suche und ließ mich in den diversen Studios grob beraten. Volljährig wäre ich ja nun gewesen, brauchte somit nicht mehr die Zustimmung und Unterschrift meiner Mutter, und auch finanziell wäre ein Tattoo kein Problem gewesen. Trotzdem habe ich seinerzeit auf eine „vorschnelle“ Aktion verzichtet und verharrte weiterhin der Dinge, die da kommen.

Die Tage vergingen, mein Stil und Geschmack festigten sich, meine Figur nahm dank Training und besserer Ernährung allmählich angemessene Formen an und meine Einstellung zu Tattoos wurde „ausgereift“. Ich hatte jemanden kennen gelernt, der mich erstmals richtig gut beriet und mir zu jeder Frage eine ausführliche Antwort geben konnte – ein Bodyartfetischist eben.

Mit 21 Jahren wagte ich den ersten kleinen Schritt zur Bodyart: ein Brustwarzenpiercing. Da ein Piercing einfach zu entfernen ist, sollte es nicht mehr gefallen, sollte dies mein Einstieg sein.

Anfang diesen Jahres (mittlerweile 22 Jahre alt) hatte ich mir in einem, für beste Hygiene und gute Beratung bekannten Tattoostudio ein paar Skizzen direkt auf den Po malen lassen. Meine Entscheidung fiel auf ein Tribal. Der Vorteil der Skizze direkt auf meinem werten Hinterteil war, dass man fast wusste wie es fertig aussehen wird. Eine Skizze kann auf Papier wirklich noch so schön sein, auf der betreffenden Körperstelle jedoch nicht mehr wirken oder einen sogar entstellen denn das Tattoo sollte auch auf den Muskelverlauf und die Gelenke oder Knochen abgestimmt sein, kurz gesagt auf die Figur. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass man den Entwurf am Körper fotografieren kann – man nimmt sich das Foto mit nach Hause und kann es sich immer wieder ansehen bis die endgültige Entscheidung getroffen wird. So auch bei mir: anfangs war ich von der Skizze durchweg begeistert, mit der Zeit nahm die Begeisterung jedoch merklich ab. Irgendwie war es noch nicht das richtige Motiv.

Im Mai diesen Jahres besuchte ich mit meinem allwissenden „Bodyart-Freund“ eine Tattoo Convention in meiner Stadt. Mittlerweile hatte ich mir ein recht ordentliches Fachwissen erarbeitet (Zeitschriften, Erfahrungswerte der Bodyart-Freunde, Infos einiger Tätowierer und Piercer, Fragen und nochmals Fragen) und war gespannt, was mir die geballte Bodyart-Szene zu bieten hätte. Ich konnte die Vorlagen internationaler Tätowierer vergleichen, Ihnen bei der Arbeit zusehen und mir in aller Ruhe einen von Ihnen auswählen. Letztendlich fiel meine Wahl nach langer Suche (ich muss auch zugeben, dass die zuerst präferierten Tätowierer schon vollends ausgebucht waren) auf einen Tätowierer aus Giessen. Er zeichnete mir ebenfalls direkt auf die Haut ein Tribal – genau wie ich es mir in den letzten Monaten vorher ausgedacht hatte. Es passte sich perfekt an die Körperform an, es war nicht zu hart für eine weibliche Figur und auch nicht zu verspielt. Sicher hatte ich bedenken, weil keiner meiner Freunde vorher schon einmal von diesem Tätowierer gehört hatte aber seine Vorlagenbücher und Fotoalben seiner Arbeiten sagten nur gutes aus und sein Entwurf war perfekt. Da war die Entscheidung gefallen und ich dürfte mich innerlich auf die Tortour vorbereiten.

Eine Tattoo Convention ist für das erste Tattoo an und für sich nicht der Ort, den man sich so vorstellt. Menschenmengen quetschen sich durch die Gänge, die Augen wandern und bleiben an den „Opfern“ der Tätowierer interessiert hängen, man fühlt sich schlicht wie auf dem Präsentierteller. Hat man schwache Nerven, sollte man von einem Tattoo auf einer Convention absehen! Insgesamt 4 Stunden lag ich auf dem Tisch und ließ mich bearbeiten – teils ganz entspannt, teils ganz angespannt.
 


Heute bin ich noch fleißig bei der Tattoopflege – täglich 2mal mit Bepanthen Lotio eincremen. Ein Gefühl wie Sonnenbrand macht sich schon nach wenigen Stunden bemerkbar. Die Haut blättert nach ein paar Tagen ab und legt schließlich das endgültige Tattoo frei. Dabei werden die Farben ein kleines bisschen blasser aber keineswegs sieht es unscharf oder ungenau aus.

Es war ein langer Weg bis zu meinem Tattoo aber heute bin ich froh, mit meiner Entscheidung lange gewartet zu haben!
 

Ein Bericht von
Sam