BuiltWithNOF

Zugegeben, Piercings sind seit geraumer Zeit im Trend. Egal ob Bauchnabel, Zunge, Labret oder Nase, in weiten Kreisen der Gesellschaft ist der Schmuck aus Titan oder ähnlichen Materialien weitestgehend salonfähig geworden. Aber auch heute noch gibt es Piercings, bei deren schierer Erwähnung viele Leute das Gesicht verziehen und Worte wie "Pervers!" oder "Sado/Maso!" förmlich ausspucken. Ich spreche hier von Piercings an vermeintlich delikaten Stellen wie im Genitalbereich oder an den Brustwarzen. Die breite Masse der Bevölkerung hat scheinbar ein Problem mit der Vorstellung, daß man sich ohne Weiteres auch an diesen Körperstellen piercen lassen kann.

Vielleicht ist es ganz gut, daß wir hier in Mitteleuropa im Regelfall Kleidung tragen, die sowohl den Genitalbereich als auch die Brust bedeckt, denn ansonsten würde manch einer, der mit starken Vorurteilen gegenüber solchen Piercings belastet ist, aus dem Staunen nicht mehr rauskommen, wenn er sehen würde, daß Leute, denen man das auf den ersten Blick gar nicht zutraut, an diesen Stellen gepierct sind. Mir zum Beispiel sieht man das im Alltag auch nicht an, denn meine Piercings sind im Regelfall unter meiner Kleidung verborgen. Wer sie zu sehen kriegt, bestimme ich alleine.

Der Berliner Autor Marcel Feige, der im Bereich Bodyart schon einige Standardwerke wie "Tattoo und Piercing richtig gemacht", "Ein Tattoo ist für immer", "Tattoo-Theo - Der Tätowierte vom Kiez" oder "Das Tattoo- und Piercinglexikon" verfasst hat, hat sich nun in seinem neuesten Werk zusammen mit seiner Lebensgefährtin Bianca Krause (beide wissen aus eigener Erfahrung, wovon sie sprechen) dieses Themas angenommen:

"Piercing intim - Mein kleines Geheimnis"

Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 2004

Ca. 320 Seiten, broschiert

ISBN 3-89602-446-9

29,90 Euro

Marcel Feige (Text) und Bianca Krause (Fotos) gelingt es meines Erachtens mit diesem Werk recht anschaulich, die weit verbreiteten Vorurteile über Piercings im Genitalbereich und/oder an den Brustwarzen aus der Welt zu räumen. Dies gelingt ihnen durch eine ganz einfache Methode: sie porträtieren Menschen, die solche Piercings tragen, lassen sie über ihr Leben, ihre Beweggründe für die Piercings, über ihre Lebenseinstellung, aber auch über die Reaktionen der Umwelt auf die Piercings berichten. Man findet hier wirklich das breite Spektrum der Gesellschaft - auf der einen Seite Menschen, die so voller Bodyart sind, daß sie überall auffallen, auf der anderen Seite Menschen, denen man nie ansehen würde, daß sie unter ihrer Kleidung Piercings versteckt haben. Manchmal verborgen, schüchtern und anonym, manchmal aber auch hart und exhibitionistisch lassen diese Menschen die Leser des Buches an ihrem Leben mit den Piercings im Genitalbereich und/oder an den Brustwarzen teilhaben. Und fast jeder Leser, der sich mit der Materie noch nicht tiefer beschäftigt hat, dürfte auf einmal feststellen, daß durchaus nicht selten Menschen wie Du und ich solche Piercings tragen...

Ich selbst bin an diesem Werk ein klein wenig beteiligt, denn auch ich habe mich vor geraumer Zeit mit Bianca Krause und Marcel Feige getroffen, um über mich, meine Piercings, meine Beweggründe und Erfahrungen zu berichten sowie für Fotos vor Biancas Kamera zu posieren. Ich wollte meinen kleinen Teil dazu beitragen, Genitalpiercings aus der Schmuddelecke, in die sie von vielen Bürgern nach wie vor gestellt werden, herauszuholen. Und ich denke, daß dies Marcel, Bianca und all ihren Interviewpartnern bestens gelungen ist. Ihr Werk zeigt eindringlich, daß solche Piercings durchaus in jeder Gesellschaftsschicht zu finden sind und für viele Menschen heute etwas ganz Normales darstellen, sei es zur Verschönerung des eigenen Körpers, sei es als Symbol für bestimmte Ereignisse im Leben oder auch zur zusätzlichen sexuellen Stimulation.

Das Buch ist sehr ansprechend und hochwertig gestaltet. Sehr viele schöne, ästhetische Fotos und die Texte zu den jeweiligen Modellen (teils in Interviewform, teils in Berichtform) ergänzen sich in idealer Weise und machen das Buch absolut lesenswert. Natürlich richtet sich das Buch in erster Linie an Personen, die sich selbst für Bodyart interessieren, aber auch Leser, die mit der Materie bisher überhaupt nicht in Berührung gekommen sind, können hier sicher manches Neue erfahren oder gar ihr eigenes Weltbild ins Wanken bringen. Ergänzt werden die Porträts durch generelle Informationen, z.B. über die Geschichte der Genitalpiercings, sowie durch einen umfangreichen Beitrag rund um die Themen Branding und Scarification.

Ich kann dieses Buch wirklich weiterempfehlen, nicht nur, weil ich selbst meinen kleinen Beitrag dazu beigesteuert habe, sondern auch, weil es zugleich informativ und unterhaltsam gestaltet ist und gerade den Menschen, die gegenüber Menschen mit Piercings Vorurteile haben, in gewisser Weise den Spiegel vorhält. Vielleicht ist nicht der pervers, der im Genitalbereich Piercings trägt, sondern eher der, der dies pervers findet? In Abwandlung eines Zitats eines bekannten Tätowierers kann ich hierzu nur sagen: "Was ist der Unterschied zwischen Gepiercten und Nicht-Gepiercten? - Den Gepiercten macht es nix aus, daß die andern nicht gepierct sind!".